Wer ist mein Nächster? Warum wir die wichtigste Frage im Leben falsch stellen
Jeder von uns kennt sie, diese tiefe, oft unausgesprochene Frage nach dem richtigen Leben. Wir suchen nach einem Kompass, nach Prinzipien, die uns Orientierung geben, wie wir ein gutes, sinnerfülltes und am Ende „richtiges“ Leben führen können. Wir wollen wissen, was zu tun ist.
Vor rund 2000 Jahren stellte ein Gesetzesgelehrter genau diese Frage, wenn auch in den Worten seiner Zeit: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu bekommen?“ Er erhoffte sich eine klare Anleitung, eine To-do-Liste für die Seele. Doch die Antwort, die er erhielt, war überraschender und tiefgründiger als jede Vorschrift. Sie offenbart drei Lektionen, die unsere moderne Suche nach Sinn radikal verändern können.
Lektion 1: Es geht nicht darum, was du tust, sondern wer du bist
Die Frage des Gelehrten beginnt mit den Worten: „Was muss ich tun?“ Er sucht nach einer Handlung, einer Leistung, die er erbringen kann. In seiner Frage spiegelt sich unsere moderne Kultur der Selbstoptimierung wider – der Glaube, das Leben sei ein Projekt, das man mit der richtigen Checkliste meistern kann.
Hierin liegt die erste Provokation: Jesus verweigert sich diesem Spiel und sprengt den Rahmen der Frage selbst. Er antwortet nicht mit einer Liste von Geboten, sondern verweist auf den Kern des Seins: eine Haltung der Liebe. Er lässt den Gelehrten selbst die Antwort aus dem Gesetz formulieren: „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben von ganzem Herzen… Und du sollst deinen Mitmenschen lieben wie dich selbst.“
Jesus demontiert unsere Vorstellung von einem spirituellen Leistungsprinzip. Ein erfülltes Leben ist kein Ergebnis abgehakter Aufgaben, sondern der Ausdruck einer inneren Haltung. Es ist eine tiefe Liebesbeziehung zu Gott, die aber nicht im Stillen verharrt. Sie wird erst dann greifbar und real, wenn sie nach außen strahlt. Diese Liebe wird erst dann glaubhaft, wenn sie sich in der Zuwendung zum Mitmenschen manifestiert. Diese Verschiebung vom „Tun“ zum „Sein“ ist befreiend und herausfordernd zugleich, denn sie verlangt nicht weniger als unser ganzes Herz. Der Theologe Dietrich Bonhoeffer brachte es auf den Punkt, und man möchte es noch zuspitzen: Nur der Selbstlose und nur der Liebende lebt wirklich.
Der selbstlose oder der Liebende, nur der lebt.
Lektion 2: Hör auf zu fragen, wer dein Nächster ist – werde selbst einer
Der Gesetzesgelehrte ist noch nicht zufrieden. Er will sich absichern und fragt nach: „Wer ist mein Mitmensch?“ Dies ist mehr als eine Bitte um Definition; es ist ein psychologisch tiefgreifender Versuch, eine Grenze zu ziehen. Er möchte einen Zaun um seine moralische Verantwortung bauen, um klar zu definieren, wer innerhalb dieses Zauns Hilfe verdient – und wer draußen bleiben muss. Ein Impuls, den wir in unserer Zeit der sozialen Blasen und ideologischen Gräben nur zu gut kennen.
Jesus gibt ihm keine Definition. Statt einer Landkarte hält er ihm einen Spiegel vor: Er erzählt die Geschichte des barmherzigen Samariters. Ein Mann liegt halbtot am Wegesrand. Ein Priester und ein Levit – Experten für religiöse Vorschriften – sehen ihn und gehen aus sicherer Distanz vorbei. Ausgerechnet ein Samariter, ein gesellschaftlicher Außenseiter, bleibt stehen und hilft.
Der entscheidende Moment kommt am Ende. Jesus fragt nicht: „Wer war der Nächste des verletzten Mannes?“ Er dreht die Frage komplett um: „Wer von den dreien hat an dem… als Mitmensch gehandelt?“
Die Bedeutung ist revolutionär: Es geht nicht darum, andere zu kategorisieren, um unsere Hilfsbereitschaft zu dosieren. Die eigentliche Aufgabe ist es, dass wir selbst für jeden Menschen, der uns in seiner Not begegnet, zum Nächsten werden. Die Frage ist nicht, wer mein Nächster ist, sondern wem ich heute ein Nächster sein kann.
Lektion 3: Wahre Hilfe entspringt dem Mitgefühl, nicht der Pflicht
Der Priester und der Levit waren gefangen in einem Denksystem aus Regeln, Pflichten und Risikobewertung. Ihr Handeln – oder Nichthandeln – war das Ergebnis einer rationalen, selbstschützenden Abwägung.
Der Samariter hingegen agiert aus einer völlig anderen Quelle. Papst Benedikt XVI. beschreibt dessen Motivation eindrücklich. Der Samariter fragt nicht nach dem „Radius seiner Solidaritätsverpflichtung“ oder nach einem „Verdienst für das ewige Leben“. Sein Handeln wird von einer prärationalen, beinahe unwillkürlichen Kraft ausgelöst:
…sondern er wird durch den Blitz des Erbarmens in seiner Seele getroffen und durch dieses Erbarmen wird er selbst nun zum nächsten. über alle Fragen, über alle Gefahren hinweg.
Dieser „Blitz des Erbarmens“ ist keine erlernte moralische Pflicht, sondern eine tiefgreifende, seelische Reaktion. Er umgeht die kalte Logik der Abwägung und treibt uns über alle Bedenken und Gefahren hinweg zum Handeln. Wahre Menschlichkeit wurzelt nicht in einem Regelwerk, das wir befolgen, sondern in einem Herzen, das sich von der Not eines anderen treffen lässt.
Fazit: Deine heutige Gelegenheit
Die 2000 Jahre alte Geschichte gibt uns eine zeitlose Antwort auf die Frage nach dem richtigen Leben. Ein erfülltes Leben wurzelt nicht im Befolgen von Regeln, sondern in einer Haltung der Liebe. Es geht nicht darum zu definieren, wer unsere Hilfe verdient, sondern darum, selbst zum Nächsten zu werden. Und der wahre Antrieb dafür ist kein erlerntes Pflichtgefühl, sondern spontanes, tiefes Mitgefühl.
Frag dich doch heute: Wie kannst du zum Nächsten werden für die Menschen, denen du heute begegnest?

