Livestream jeden Sonntag um 10 und 19 Uhr  

Adventskalender

Tag 12: Adventskalender 2025

Warum Perfektionisten die größten blinden Flecken haben: 3 unbequeme Wahrheiten über uns selbst

Warum fällt es uns eigentlich so schwer zu akzeptieren, dass wir nicht alles richtig wahrnehmen? Diese Frage ist der Ausgangspunkt für eine ehrliche Selbstreflexion, denn jeder von uns hat sie: die sogenannten „blinden Flecken“. Das sind jene Bereiche unserer Persönlichkeit und unseres Verhaltens, die wir selbst nicht sehen können, die unserem Umfeld aber oft glasklar erscheinen.

Eine alte Geschichte aus dem Johannes-Evangelium erzählt von einem Mann, der von Geburt an blind war. Als Jesus ihm begegnet, heilt er ihn nicht durch ein einfaches Wort, sondern durch eine Handlung, die Demut erfordert: Der Mann muss dem Befehl folgen und sich den Schlamm vom Gesicht waschen, um sehen zu können. Aus der Reflexion über diese zeitlose Metapher für das Sehen und die Blindheit ergeben sich überraschende Lektionen für unser modernes Leben. Die vielleicht größte davon ist ein Paradox: Unsere größten Stärken oder die höchsten Ideale, die wir von uns selbst haben, können paradoxerweise unsere tiefsten Schatten und unsere größten blinden Flecken schaffen.

Die folgenden drei Wahrheiten sind eine Einladung, den Mut zur Wahrhaftigkeit zu finden – und zu lernen, wirklich zu sehen.

——————————————————————————–

1. Je perfekter dein Selbstbild, desto größer deine blinden Flecken

Hier ist die erste unbequeme Wahrheit: Es besteht ein direkter Zusammenhang zwischen dem Idealbild, das wir von uns selbst pflegen, und der Größe unserer blinden Flecken. Was wirklich spannend ist: Je höher und makelloser dieses Ideal ist, desto mehr Energie wenden wir auf, um eine Fassade aufrechtzuerhalten, die diesem Bild entspricht.

Der Grund dafür ist eine tief sitzende Angst: die Angst, das eigene, sorgfältig konstruierte Selbstbild zu zerstören. Wir fürchten die Wahrheit über uns selbst, weil sie Risse in unserer perfekten Fassade verursachen könnte. Also schauen wir lieber weg und blenden alles aus, was nicht ins Bild passt. Doch je mehr wir ausblenden, desto größer werden die Bereiche, die wir nicht wahrhaben wollen – und desto weniger sehen wir von uns selbst in unserer Gänze.

——————————————————————————–

2. Demut ist kein Zeichen von Schwäche, sondern der Mut zur Wahrheit

Die zweite Erkenntnis fordert uns auf, einen oft missverstandenen Begriff neu zu definieren: Demut. In unserer leistungsorientierten Welt wird Demut fälschlicherweise oft mit Unterwürfigkeit oder Schwäche gleichgesetzt. Doch das Gegenteil ist der Fall. Wahre Demut ist kein Mangel an Selbstbewusstsein, sondern der Mut, der eigenen, ungeschönten Wahrheit ins Auge zu sehen.

Das Gegenteil von Demut ist Arroganz oder Hochmut – die Hybris. Hochmut entsteht, wenn wir uns vollständig mit unserem perfekten Idealbild identifizieren und nach außen um jeden Preis als fehlerlos erscheinen wollen. Demut hingegen ist die Akzeptanz der Realität, so wie sie ist. Sie ist die Bereitschaft, wie der blinde Mann in der Geschichte einen Moment der Abhängigkeit zu akzeptieren, um wahre Sicht zu erlangen.

Demut ist der Mut zur eigenen Wahrheit.

Diese Neudefinition kann unglaublich befreiend sein. Sie erlaubt uns, die enorme Energie, die wir in die Aufrechterhaltung unserer Fassade stecken, freizusetzen und stattdessen in echtes Wachstum und Wahrhaftigkeit zu investieren.

——————————————————————————–

3. Auch Organisationen können hochmütig (und blind) sein

Diese Dynamik aus Arroganz und Demut spielt sich nicht nur in uns als Einzelpersonen ab; sie skaliert und bestimmt die Gesundheit ganzer Organisationen. Unternehmen, Teams und Gemeinschaften können ebenfalls einen hochmütigen Charakter entwickeln und dadurch blind für die Realität werden.

Ein klares Symptom für diese organisationale Blindheit ist, wenn sich Führungskräfte nur noch mit „Ja-Sagern“ umgeben. Kritisches Feedback wird nicht mehr geduldet; es wird ausschließlich nach Bestätigung gesucht, die das eigene Idealbild stützt. Die interne Haltung lautet dann: „Wir sind die größten, die schönsten und die besten.“

Die Gefahr dieses Verhaltens ist offensichtlich: Genau wie eine Person mit großen blinden Flecken verliert eine solche Organisation den Bezug zur Realität. Wichtige Informationen dringen nicht mehr durch, Fehlentwicklungen werden ignoriert und die Fähigkeit zur Anpassung und zum Lernen geht verloren.

——————————————————————————–

Abschluss: Wirst du sehen oder blind führen?

Die Lektionen sind klar und zeitlos: Unser Streben nach einem perfekten Selbstbild schafft paradoxerweise unsere größten blinden Flecken. Wahre Stärke liegt nicht in einer makellosen Fassade, sondern in der Demut – dem Mut zur eigenen Wahrheit. Und diese Prinzipien gelten nicht nur für uns persönlich, sondern auch für die Organisationen, in denen wir arbeiten und führen.

Am Ende stehen wir vor einer fundamentalen Entscheidung. Wollen wir ein blinder Blindenführer werden, der andere Blinde in die Grube führt? Oder wollen wir Menschen werden, die den Mut aufbringen, hinzusehen, um wirklich sehen zu können? Diese Reise beginnt mit ehrlichen Fragen an uns selbst: Wer darf mich beraten und mir ehrliche Rückmeldung geben? Bestrafe ich die Menschen, die mir helfen wollen, mich selber besser wahrzunehmen?

Und wen könntest du heute bitten, dir zu helfen, dich besser wahrzunehmen?

Weitere Beiträge
Adventskalender

Tag 24: Adventskalender 2025

Adventskalender

Tag 23: Adventskalender 2025

Adventskalender

Tag 22: Adventskalender 2025

Die Gethsemane-Strategie: Was eine 2000 Jahre alte Geschichte über wahren Sieg im Konflikt verrät Wir alle kennen es: das Gefühl, ständig in…
Bleib am Ball!

Abonniere unseren Newsletter, um immer informiert zu sein, wenn sich was tut.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

de_DEGerman